Die GLS Bank im Interview über Nachhaltigkeitsberichterstattung, Transparenz und die EmpCo-Richtlinie

Michael Ahlers GLS Bank

Bild: Michael Ahlers, Vorstandsmitglied in der GLS Bank:

Nachhaltigkeitsberichterstattung entwickelt sich rasant: Mit neuen Vorgaben wie den European Sustainability Reporting Standards (ESRS), der CSRD und der EmpCo-Richtlinie steigen die Anforderungen an Unternehmen und Banken, ihre Nachhaltigkeitsleistungen transparent, nachvollziehbar und rechtssicher zu kommunizieren. Gleichzeitig erwarten Kundinnen und Kunden verständliche Informationen statt komplexer ESG-Berichte und möchten wissen, welche Wirkung ihr Geld tatsächlich entfaltet. Im Interview erklärt die GLS Bank, wie sie regulatorische Anforderungen mit einer verständlichen Nachhaltigkeitskommunikation verbindet, warum Transparenz zum Markenkern gehört und welche Rolle messbare Wirkung, glaubwürdige Nachhaltigkeitskennzahlen sowie die Vermeidung von Greenwashing für die nachhaltige Finanzwirtschaft der Zukunft spielen.

INTERVIEW

boerse-n.de: Die Nachhaltigkeitsberichterstattung wird durch neue regulatorische Anforderungen immer umfangreicher. Wie stellt die GLS Bank sicher, dass ihre Berichte nicht nur den Vorgaben entsprechen, sondern für Kundinnen und Kunden auch verständlich und relevant bleiben?

Michael Ahlers, Vorstandsmitglied in der GLS Bank: Uns ist wichtig, dass Nachhaltigkeit nicht nur irgendwo berichtet wird, sondern dass Menschen verstehen können, was wir tun und wie ihr Geld wirkt. Deshalb gibt es unseren Nachhaltigkeitsbericht in zwei Formen. Zum einen veröffentlichen wir einen nichtfinanziellen Bericht nach den European Sustainability Reporting Standards, also nach ESRS. Er richtet sich vor allem an Menschen, die sich fachlich sehr intensiv mit Nachhaltigkeitsberichterstattung befassen. Diesen Bericht lassen wir zusätzlich freiwillig prüfen. Zum anderen übersetzen wir dieselben Inhalte in eine Form, die näher an den Fragen unserer Kund*innen und Interessierten ist: auf unserer Website, verständlicher aufbereitet und thematisch zugänglich. Dort zeigen wir Zusammenhänge, ohne sie zu verkürzen. Wer tiefer einsteigen möchte, findet zugleich die Bezüge zu den jeweiligen Standards. Grundsätzlich ist Regulierung an dieser Stelle wichtig. Sie schafft Verbindlichkeit und Vergleichbarkeit. Gleichzeitig darf Nachhaltigkeitsberichterstattung aus unserer Sicht nicht bei formaler ESG-Erfüllung stehen bleiben. Entscheidend ist, ob sichtbar wird, welche Wirkung wirtschaftliches Handeln tatsächlich hat.

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Welche Nachhaltigkeitskennzahlen sind für die GLS Bank besonders entscheidend, um den eigenen gesellschaftlichen und ökologischen Beitrag zu messen, und warum?

    Für uns gehören wirtschaftlicher Erfolg und sozial-ökologische Wirkung zusammen. Deshalb schauen wir nicht nur auf klassische Finanzkennzahlen, sondern auch sehr konkret darauf, was durch unsere Finanzierungen möglich wird. Dafür haben wir für unsere sechs Branchen jeweils Indikatoren definiert. So lässt sich nachvollziehen, was das Geld unserer Kund*innen in der Realität ermöglicht.

    Ein paar Beispiele aus dem Jahr 2025 zeigen das sehr anschaulich: In der Branche Bildung & Kultur konnten wir 9.948 Bildungsplätze neu finanzieren oder im Bestand sichern. In Soziales & Gesundheit waren es 2.440 Pflegeplätze. Und in der Branche Ernährung wurden 18.641 Hektar landwirtschaftliche Fläche im Bestand gesichert oder neu finanziert. Im Bereich Wohnen wurden 123.527 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche (re-)finanziert. Und bei den Erneuerbaren Energien wurden 77 Prozent der finanzierten Photovoltaik-Projekte auf Dächern installiert. Diese Zahlen und insbesondere die dafür notwendige Datenerhebung sind für uns wichtig, weil sie Wirkung greifbar machen. Sie zeigen, dass unser Bankgeschäft nicht abstrakt ist. Es schafft Bildungsorte, ermöglicht Pflege, sichert Höfe, finanziert Wohnraum und beschleunigt die Energiewende.

    Die GLS Bank gilt als Vorreiterin in Sachen Transparenz, etwa durch die Offenlegung ihrer Kreditvergaben. Welche Chancen, aber auch Herausforderungen bringt dieses hohe Maß an Offenheit mit sich?

      Transparenz gehört für uns zum Kern unseres Verständnisses von Bank. Menschen sollen nachvollziehen können, was mit ihrem Geld geschieht und nach welchen Maßstäben wir Entscheidungen treffen. Deshalb machen wir unsere Anlage- und Finanzierungsgrundsätze öffentlich zugänglich. Wir zeigen, welche Unternehmen und Organisationen Kredite erhalten haben und wofür. Und wir legen offen, wie sich unsere Eigenanlagen zusammensetzen.

      Lese-Tipp: Die GLS Bank im Interview mit boerse-n.de im Jahr 2022

      Die große Chance darin ist Vertrauen. Transparenz macht unsere Arbeit überprüfbar und schafft eine andere Qualität der Beziehung zu Kund*innen und Mitgliedern. Sie sehen nicht nur, dass wir nachhaltig sein wollen, sondern auch, wie wir das konkret umsetzen. Natürlich ist Offenheit auch mit Aufwand verbunden. Informationen müssen sorgfältig aufbereitet, geprüft und verständlich vermittelt werden. Transparenz entstehet nicht nebenbei. Aber genau darin liegt auch ihr Wert. 

      Wie begegnen Sie der wachsenden Erwartung von Kundinnen und Kunden, Nachhaltigkeitsaussagen nachvollziehbar und überprüfbar zu belegen, insbesondere vor dem Hintergrund der Greenwashing-Debatte?

        Mit einem einfachen Grundsatz: Nachhaltigkeit muss greifbar sein.

        Deshalb sprechen wir nicht nur über Haltung, sondern zeigen möglichst konkret, wie wir arbeiten. Das gilt für unsere Kreditvergabe genauso wie für unsere Eigenanlagen. Über Beteiligungen, Schenkungen und Kredite berichten wir regelmäßig. Ein zentrales Element ist dabei unsere Kreditliste. Sie zeigt, welche Kredite wir im jeweils letzten Quartal vergeben haben. Auf unserer Website und im Bankspiegel machen wir diese Informationen zugänglich. So können Kund*innen direkt nachvollziehen, welche Projekte und Unternehmen sie mit einem Konto, einer Mitgliedschaft oder einem Depot bei der GLS Bank unterstützen.

        Was ändert sich für Sie als nachhaltige Bank mit der EmpCo-Richtlinie, die im September dieses Jahres in Kraft tritt?

          Die Empco spielt eine zentrale Rolle für Verbraucherschutz in der Prävention von Greenwashing. Wir unterstützen Ansätze zu mehr Glaubwürdigkeit, insbesondere wenn es um konkrete Nachhaltigkeitsleistungen und Ziele geht. Für die GLS Bank ist Transparenz seit jeher Teil des Markenkerns. Deshalb haben wir eine gute Grundlage, auf der wir weiter aufbauen können. Gleichzeitig sehen wir auch eine Spannung. Während Berichtspflichten zuletzt geschwächt wurden, werden strengere Vorgaben für die Kommunikation von Nachhaltigkeitsleistungen angesetzt. Wer nachhaltig wirtschaftet und es kommuniziert, muss immer aufwendiger belegen, was er tut. Wer schädlich wirtschaftet, bleibt in manchen Bereichen weiterhin deutlich weniger sichtbar. Daraus kann ein Ungleichgewicht entstehen. Und es besteht die Gefahr des sogenannten Green Hushings: dass Unternehmen aus Vorsicht lieber gar nichts mehr zu ihren Nachhaltigkeitsleistungen sagen. Das wäre bedauerlich.

          Immer mehr Banken positionieren sich mit nachhaltigen Finanzprodukten. Wodurch unterscheidet sich die GLS Bank heute noch klar vom Wettbewerb?

            Nachhaltigkeit ist bei der GLS Bank kein Produktbaustein, sondern die Grundlage unseres gesamten Kerngeschäftes. Wir fragen grundsätzlich, wohin Geld fließen soll und wohin nicht. Dafür haben wir klare Anlage- und Finanzierungsgrundsätze. Sie bilden das Herzstück unserer Entscheidungen. Dazu gehört auch, dass wir die Finanzierung von Kohle, Öl und Gas ausschließen, ebenso wie Atomkraft, Waffen oder kontroverse Geschäftspraktiken. Für uns reicht es nicht, neben konventionellen Geschäften auch ein paar nachhaltige Angebote zu platzieren. Wenn Nachhaltigkeit ernst gemeint ist, muss sie sich im Gesamtbild eines Unternehmens oder eben einer Bank zeigen.

            Sie zeigt sich aber nicht nur in der Kreditvergabe oder in den Geldanlagen. Auch der eigene Geschäftsbetrieb gehört dazu: Woher kommt der Strom an unseren Standorten? Welche Mobilitätsangebote gibt es für Mitarbeitende? Wie schauen wir auf Lohngerechtigkeit oder den Gender Pay Gap? Auch das sind Fragen eines ernst gemeinten Nachhaltigkeitsverständnisses. In diesem Sinn unterscheidet uns vom Wettbewerb, dass wir Nachhaltigkeit nicht als Zusatz verstehen, sondern als Ausgangspunkt.

            Welche Risiken sehen Sie aktuell als besonders relevant für nachhaltige Banken – beispielsweise regulatorische Veränderungen, wirtschaftliche Unsicherheiten oder den zunehmenden Wettbewerbsdruck?

              Ein zentrales Risiko sehen wir derzeit in der Abschwächung regulatorischer Anforderungen. Wenn mit der EU-Omnibus-Initiative Pflichten aus CSDDD, CSRD und Taxonomie gelockert werden, mag das mit Bürokratieabbau begründet werden. Aus unserer Sicht geht damit aber auch wichtige Transparenz verloren. Wenn diese Transparenz wieder zurückgenommen wird, ist das problematisch. Denn nachhaltiges Wirtschaften braucht verlässliche Informationen. Und auch klimabezogene Finanzrisiken lassen sich nicht gut steuern, wenn die Datengrundlage schwächer wird. Daneben beobachten wir mit Sorge, dass sich politische und wirtschaftliche Prioritäten verschieben. Wenn enorme Mittel in andere Bereiche fließen, während Klima- und Transformationsfragen an Aufmerksamkeit verlieren, hat das auch für Banken und die Realwirtschaft enorme Folgen. Aus unserer Sicht müssten wir viel stärker darüber sprechen, wie Geld wirkt und welche Zukunft damit finanziert wird.

              Mit Blick auf die kommenden fünf bis zehn Jahre: Welche Entwicklungen werden Ihrer Einschätzung nach den größten Einfluss auf nachhaltige Banken und deren Berichterstattung haben, und wie bereitet sich die GLS Bank darauf vor?

                Die Klimakrise und der Umgang mit ihren Folgen werden den Finanzsektor in den kommenden Jahren stark prägen. Das betrifft sowohl die Berichterstattung als auch das Risikomanagement unmittelbar. Zwei Themen sind dabei besonders wichtig: Zum einen die Frage, wie sich Klima- und Biodiversitätsrisiken besser messen und steuern lassen. Zum anderen die finanzierten Emissionen, also die Emissionen, die durch Investitionen und Kreditvergabe einer Bank mitverursacht werden.

                Gleichzeitig sind auch wir nicht frei von Klimarisiken. Wenn sich Extremwetter häufen, kann das Kreditrisiken verändern, Sicherheiten entwerten oder den laufenden Betrieb beeinträchtigen. Hitzebelastung, beschädigte Infrastruktur oder unterbrochene Lieferketten sind dabei ganz konkrete Beispiele. Deshalb verankern wir Nachhaltigkeitsrisiken in unserer Gesamtbanksteuerung. Es gibt dazu strategische und operative Regelungen, und wir arbeiten kontinuierlich daran, unsere Instrumente weiterzuentwickeln.  Die kommenden Jahre werden zeigen, wie ernst es der Finanzbranche insgesamt mit Transformation ist. Wir wollen darauf nicht erst reagieren, wenn Risiken offensichtlich werden, sondern frühzeitig und strukturiert handeln.

                Lies auch: Die BÖAG Börsen AG und das Thema Nachhaltigkeit

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